Tom Tykwer

Die frühen Jahre: Vom Filmvorführer zum Regisseur

„Und dann ist der Film gerissen…“

 

Tom Tykwer gehört zu den erfolgreichsten deutschen Filmemachern. Er arbeitet gerade an der Fernsehserie „Sense 8“, und Werke wie „Cloud Atlas“, „The International“ oder „Das Parfüm“ hat er für ein großes internationales Publikum gedreht. Sein nationaler Durchbruch gelang ihm 1998 mit „Lola rennt“. Wobei das mystische Bergdrama „Winterschläfer“ vielleicht sein schönster Film ist. Bereits als Schüler arbeitete Tom Tykwer in Wuppertal als Filmvorführer in einem Kino. Nachdem er nach Berlin kam, arbeitete er rund zehn Jahre als Programmmacher im Moviemento Kino in Berlin-Kreuzberg.

 

tomBernd Sobolla: Tom, Du kommst ursprünglich aus Wuppertal. Wann und mit welchem Lebensplan kamst Du nach Berlin?
Tom Tykwer: Mitte der 1980er Jahre wollte ich nach Berlin gehen, weil Berlin einfach die Kinostadt war. Und daran wollte ich teilhaben – auf welche Weise auch immer. Ich war mit ca. zwölf Jahren zum ersten Mal in Berlin gewesen und begeistert über die Vielfalt, die es hier in der Kinokultur gab und noch immer gibt. Mehr allerdings noch damals. Nicht nur, dass es mehr Kinos gab, es gab definitiv auch ein abwechslungsreicheres Programm. Das Kinoprogramm in Berlin war der maßgebliche Grund, warum ich hierher ziehen wollte. Abgesehen davon, dass ich zu der Stadt sofort eine sehr emotionale Bindung aufbaute. Ich fuhr jahrelang mit dem Zug nach Berlin und bewegte mich vor allem in Charlottenburg: Lupe, Filmkunst 66, Klick, Kurbel, Kant – das waren ja die stilprägenden Kinos für die Programmkinokultur. Die haben Retros gemacht wie irre, Festivals, Werkschauen. Immer wenn ein neuer Film von einem bekannten Regisseur rauskam, wurde direkt dessen Oeuvre mit gezeigt. Ich rede jetzt von den späten 70er, frühen 80er Jahren. Da war ich etwa 16 Jahre alt. Ich fuhr damals regelmäßig nach Berlin, um ins Kino zu gehen und fand es irre. Ende 1985 packte ich dann meine Koffer und zog hierher.

Wie sah deine Lebenssituation damals aus?

Alle Filmhochschulen hatten mich abgelehnt, und ich hatte keinen Job. Ich wollte einfach in Berlin leben, um dann zu schauen, wie es weiter gehen kann. Natürlich brauchte ich irgendeinen ganz trivialen Job. Zufällig ging ich dann ins Moviemento. Ich weiß noch genau, welcher Film lief. Es war „Trio Infernal“ mit Romy Schneider und der Film ist gerissen. Daraufhin verließ ich den Saal und sagte: „Übrigens, der Film ist gerissen. Da müsste mal einer gucken!“ Allerdings war oben keiner, der sich mit dem Projektor auskannte. Da dachte ich mir: „Das dauert dann wohl etwas. Holst du dir mal ein Bounty, und vielleicht fragst du gleich mal, ob sie einen Filmvorführer brauchen.“ Die Besitzerin, Ingrid Schwibbe, war unten. Also ging ich runter und fragte sie. Ich hatte ja in Wuppertal schon eine Weile als Filmvorführer gearbeitet. Eine Woche später konnte ich anfangen.

Wusstest du, dass das Moviemento damals schon eine Art Kultstädte war?

Nicht ganz. Auch wenn mir bekannt war, dass das Moviemento, das zuvor Tali hieß, den Ruf eines Exzesskinos hatte. Die Ereignisse rund um die „Rocky Horror Picture Show“ waren mir schon bekannt. Aber Ingrid und ihr Vorgänger hatten sich in den drei, vier Jahren seither einen ziemlich guten Ruf als ambitioniertes Programmkino erarbeitet. Als ich kam, gab es schon eine bestimmte Programmstruktur, die ich selber auch sehr attraktiv fand. Das Kino bestand da übrigens noch aus zwei Sälen, die gerade zu drei Sälen umgebaut wurden. In diesen zwei Kinos liefen manchmal 20 verschiedene Filme pro Woche.

Dennoch hast Du das Programm dann weiter entwickelt. Worum ging es dir?

Für mich war zunächst am wichtigsten, dass es hier ein Umfeld gab, das unglaublich neugierig war und extrem cineastisch ausgeprägt. Dass man hier für relativ niedrige Preise sowohl interessante, aktuelle, aber vor allem auch alternative, abseitige, neue Filme sehen konnte. Die aber eingebettet waren in filmhistorische Kontexte und inhaltliche Bezüge. Das wollte ich weiterführen und vertiefen…

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