Underground im ersten Stock

Underground im ersten Stock


Blixa Bargeld sieht in dieser Dokumentation ungefähr so munter aus, als habe man ihn betäubt und gefesselt und dann zum Zeitzeugenbericht gezwungen. Aber es nützt ja nichts, er gehört in den Film, denn in einer fernen Vergangenheit hat er im Kreuzberger Moviemento Kinokarten und Erdnüsse verkauft… Wie alle Mythen, an denen der Zahn der Zeit zu nagen begonnen hat, kann auch das Moviemento auf ein goldenes Zeitalter zurückblicken. Es scheint, nebenbei bemerkt, dass aus jedem, der hier in den siebziger und achtziger Jahren den Tresen bediente, das Programm plante oder die Filmrollen abspulte, Bedeutendes geworden ist. Der Kartenverkäufer Blixa Bargeld wurde mit den Einstürzenden Neubauten ein Star, der einstige Programmmacher Wieland Speck Chef des Berlinale-Panoramas, aus dem Filmvorführer Tom Tykwer wurde zuletzt ein Hollywood-Regisseur.

Sie alle waren einst Teil der Subkultur, die in ihrer West-Berliner Ausprägung historisch einmalig war. Heute kann sich kein junger Hungerkünstler mehr vorstellen, wie leicht es damals war, Künstler, Filmer oder Musiker zu sein und gleichzeitig die finanzielle Existenz durch gelegentliches Bedienen eines Kinotresens abzusichern. Was sich wohl auch keiner mehr vorstellen kann: Wie wenig “stylish” ein Ort sein musste, um trotzdem Publikum anzuziehen. Es war eine Zeit, in der es keine Lounges gab und auch kein Verlangen danach. Von Multiplexen hatte noch niemand gehört. 1975 übernahm ein Kollektiv das alte Filmtheater, das Haus hieß nunmehr Tali, und beschloss, hier “kritisches Volksfilmtheater” zu realisieren. Zu den Betreibern gehörten Manfred Salzgeber und Wieland Speck. Gelegentlich baute man die Leinwand ab, um schwullesbisches Theater zu zeigen.

Niemand war überraschter als die Moviemento-Betreiber, als sich mit der Rocky-Horror-Picture-Show plötzlich ein großer Publikumserfolg einstellte. Doch gleichzeitig lädierten die Gäste im Drogen- und Bilderrausch Mobiliar und Böden. Das Kino erhielt bald eine neue forsche Betreiberin, die Ende der neunziger Jahre doch den Multiplexen unterlag. Von der jüngsten Ära handelt der Film nicht mehr, aber es scheint, dass es immer noch weitergeht mit dem Moviemento.