Blixa Bargeld

 

“Mein Hintergrund ist null”

 

Blixa, wann bist du aufs Moviemento aufmerksam geworden?

Zu meiner Zeit hieß das Kino Tali, für Tageslichtspiele. Das muss 1978 gewesen sein. Ich war in einer idiotischen Disko namens Tolstefanz, die damals ein Anlaufpunkt für das Nachtleben in West-Berlin war. Und da traf ich eines nachts Wieland, den ich vom Sehen her kannte. Wieland war auf der Suche nach jemandem, der ihn an der Kasse im Tali vertreten konnte, weil er irgendwo hinfahren musste. Und das habe ich gemacht. War ja ganz einfach: Karten verkaufen, abreißen und die Leute reinlassen. Es ergab sich aber, dass zur selben Zeit der Filmvorführer im Tali-Kino seinen Job aufgeben wollte. Das wusste von den anderen im Tali noch niemand. Der hat mich angelernt, Filme einzulegen. Und so wurde ich dann eben auch Filmvorführer. Wir wechselten uns dann ein Zeit lang bei der Arbeit ab, also Wieland, Elser und ich. Da gab es keine klaren Umrisse der Arbeitsaufteilung.

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Blixa Bargeld: Sänger, Performance-Künstler, Co-Gründer der Einstürzenden Neubauten. (photo: Peter Domsch)

Du warst damals ungefähr 19 Jahre alt. War das eine erste Station des sich Ausprobierens im Kulturbereich?

Nö, aber es war ganz definitiv ein Einstieg in die Kino- und Filmwelt. Wenn man in einem Kino arbeitet, kann man zwangsweise ziemlich viele Filme sehen. Wenn man als Filmvorführer arbeitet, sieht man diese Filme sogar sehr genau. Ich habe manche Filme hundertmal gesehen. Ich kann dir immer noch sagen, wo Szenenwechsel sind in bestimmten Filmen oder Rollenwechsel. Ich bin ja dann auch mit Elser und Wieland zum Filmfestival nach Cannes gefahren, in meiner Aufgabe als Mitarbeiter des Tali-Kino, das ja auch einen Filmverleih hatte. Ich glaube allerdings, dass wir nur einen einzigen Film im Verleih hatten. Das weiß Wieland aber besser.

Im Tali gab es auch Theateraufführungen. War es wichtig für dich, in einem Haus zu arbeiten, wo verschiedene Künste zusammenkamen?
Mein Hintergrund ist null. Ich komme aus einem Arbeiterhaushalt, ich bin ein Schulabbrecher, ich habe auch sonst keinen Abschluss. In dem Moment, in dem Wieland mich fragte, ob ich im Tali-Kino vielleicht die Kasse machen könnte, war das der rettende Strohhalm kurz vor der Sozialhilfe. Ich hatte gar keine Wahl zu sagen, dass ich jetzt dieses oder jenes mache. Ich wurde da einfach hineingeworfen…

Würdest du das Tali dennoch als Ausbildungsstätte sehen?
Nein. Obwohl… menschlich vielleicht schon. Ich habe mit sehr interessanten und sehr intelligenten Menschen für eine Zeit lang zusammengearbeitet in Formen, die mir vorher in meinem Leben völlig unbekannt waren. Da spielten auch andere Organisationsprinzipien eine Rolle. Es gab eine Art Kollektiv, es gab kein Autoritätsprinzip. Das war eine wichtige Erfahrung und auch eine Ausbildung.

In dem Buch „Verschwende deine Jugend“ sagst du, Berlin sei für dich der Nullpunkt gewesen, der Ausgangspunkt, an dem alles normal ist. Alle anderen Städte wichen vom Normalzustand ab. Was war das Tali innerhalb Berlins ein Nullpunkt vom Nullpunkt?
Ne. Das auf keinen Fall. Das Tali war ein außergewöhnlicher Ort; das war nicht der Nullpunkt vom Nullpunkt. Es war und ist aber in Kreuzberg. Und es ist ein sehr unangenehmer Teil von Kreuzberg – immer noch. Die ganze Gegend um den Hermanplatz herum ist irgendwie eine Patexverdünner geschwängerte Brachlandschaft. Das ist nichts. Ich bin das erste Mal und einzige Mal in meinem Leben im Tali zusammen geschlagen worden. Von einem Kellner aus der Kneipe um die Ecke, der uns alle kannte. Das ist mir seitdem nie wieder passiert. Die Gegend ist eine Brache. Ich glaube, da hat sich auch nicht viel geändert. Und das Tali-Kino war eine utopische Insel innerhalb dieser Brachlandschaft…

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