Berliner Zeitung

Underground im ersten Stock

Ein etwas verspäteter Jubiläums-Film über das Kreuzberger Moviemento

Daniela Pogade

Blixa Bargeld sieht in dieser Dokumentation ungefähr so munter aus, als habe man ihn betäubt und gefesselt und dann zum Zeitzeugenbericht gezwungen. Aber es nützt ja nichts, er gehört in den Film, denn in einer fernen Vergangenheit hat er im Kreuzberger Moviemento Kinokarten und Erdnüsse verkauft. Das älteste Kino Berlins erhielt bereits anlässlich seines hundertjährigen Geburtstags vor drei Jahren viel Aufmerksamkeit und ist nun Gegenstand eines Jubiläums-Films, der das Publikum mit Verspätung erreicht – vielleicht, weil der Regisseur Bernd Sobolla ohne Fördergelder und sonstige Unterstützung auskommen musste.

Wie alle Mythen, an denen der Zahn der Zeit zu nagen begonnen hat, kann auch das Moviemento auf ein goldenes Zeitalter zurückblicken. Es scheint, nebenbei bemerkt, dass aus jedem, der hier in den siebziger und achtziger Jahren den Tresen bediente, das Programm plante oder die Filmrollen abspulte, Bedeutendes geworden ist. Der Kartenverkäufer Blixa Bargeld wurde mit den Einstürzenden Neubauten ein Star, der einstige Programmmacher Wieland Speck Chef des Berlinale-Panoramas, aus dem Filmvorführer Tom Tykwer wurde zuletzt ein Hollywood-Regisseur.

Keine Lounges und Multiplexe

Sie alle waren einst Teil der Subkultur, die in ihrer West-Berliner Ausprägung historisch einmalig war. Heute kann sich kein junger Hungerkünstler mehr vorstellen, wie leicht es damals war, Künstler, Filmer oder Musiker zu sein und gleichzeitig die finanzielle Existenz durch gelegentliches Bedienen eines Kinotresens abzusichern. Was sich wohl auch keiner mehr vorstellen kann: Wie wenig “stylish” ein Ort sein musste, um trotzdem Publikum anzuziehen. Es war eine Zeit, in der es keine Lounges gab und auch kein Verlangen danach. Von Multiplexen hatte noch niemand gehört. 1975 übernahm ein Kollektiv das alte Filmtheater, das Haus hieß nunmehr Tali, und beschloss, hier “kritisches Volksfilmtheater” zu realisieren. Zu den Betreibern gehörten Manfred Salzgeber und Wieland Speck. Gelegentlich baute man die Leinwand ab, um schwullesbisches Theater zu zeigen. Ein Zeitzeuge berichtet mit leuchtenden Augen von der Spielwiese, die das Moviemento gewesen sei.

Und so ist diese Dokumentation, die in Bild und Schnitt keinerlei Ehrgeiz an den Tag legt, vor allem ein Blick zurück in eine Zeit, in der man für Experimente noch keinen Staatsminister für Kultur um Zuwendungen anflehen musste. Es war eine Zeit, in der alle Welt idealistisch vor sich hinnestelte und trotzdem nicht aus den Ladenräumen flog. Dem Überleben des Moviemento kam übrigens zugute, dass sich das Kino im ersten Stock eines Gründerzeithauses befindet, wo sich traditionell keine Supermärkte ansiedeln. So profan entscheidet mitunter auch Architektur über das Fortbestehen der Dinge.

Niemand war überraschter als die Moviemento-Betreiber, als sich mit der Rocky-Horror-Picture-Show plötzlich ein großer Publikumserfolg einstellte. Doch gleichzeitig lädierten die Gäste im Drogen- und Bilderrausch Mobiliar und Böden. Das Kino erhielt bald eine neue forsche Betreiberin, die Ende der neunziger Jahre doch den Multiplexen unterlag. Die nächsten Kinomacher kamen im Jubiläumsjahr, sie renovierten gründlich und setzten auf mehr Erstaufführungen sowie spezielle Zielgruppenangebote wie Schul- und Kinderkino.

Von der jüngsten Ära handelt der Film nicht mehr, aber es scheint, dass es immer noch weitergeht mit dem Moviemento. Die Statistiken verzeichnen ein steigendes Interesse an den Angeboten der Programmkinos, die nun schon wieder über 13 Prozent der Kinoleinwände in Deutschland bespielen. Seit 2007 haben sich die Zuschauerzahlen im Moviemento verdreifacht.

Auf der anderen Seite der Leinwand – 100 Jahre Moviemento. D 2009. Regie: Bernd Sobolla, 82 Minuten.